artpreview · 2012

Eine Zusammenstellung von Texten zu Ausstellungen
in der Sezession Nordwest e.V., Wilhelmshaven,
von Alexander Langkals

Dezember 2012

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Erinnerung – verstorbene Künstler

Gedächtnisausstellung für verstorbene bekannte Wilhelmshavener Künstler:
Helmut Tönsing, Klaus Zegenhagen, Christian Roos und Olaf Marxfeld

Zum wiederholten Male widmet die Sezession Nordwest ihre Dezember-Ausstellung verstorbenen Künstlern. Wurde im vergangenen Jahr mit Jürgen Wild einem Gründungsmitglied der Sezession Nordwest selbst gedacht, so sind es in der aktuellen Ausstellung vier bekannte Wilhelmshavener Künstler verschiedener Jahrgänge.

Helmut Tönsing (1926–1995) befasste sich intensiv mit der Zeichnung, bevor er Mitte der 50er-Jahre an der Düsseldorfer Kunsthochschule studierte. Ausstellungen in Düsseldorf, Hamburg, Köln und St. Gallen folgten zahlreiche Ausstellung in der Heimatregion, darunter wiederholt in der Wilhelmshavener Kunsthalle.

Ein typisches Motiv in seinem Werk ist der Baum als Symbol des Lebens, dem er wie vielen anderen seiner Motive auf ausgedehnten Spaziergängen begegnete und mit dem sicheren Zeichenstrich festhielt. Überhaupt griff Tönsing auf eigene Skizzen zu, verwendete keine „Fremdvorlagen“ wie Fotos oder Zeitungsbilder. Der Blick fällt auf das Einfache, Unprätentiöse – Spuren schlichten Lebens in der heimatlichen Gebundenheit.

Neben dem gespachtelten oder auch lasierend gemalten Ölbild hat Tönsing in Aquarell und Radierung weitere Ausdrucksmöglichkeiten gefunden. Ein großes Augenmerk legte er auf die Professionalisierung der Aquatinta.

Klaus Zegenhagen (1933–2003) studierte zunächst an der Werkkunstschule Hannover, später an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg grafische Techniken, Zeichnung und Malerei. Spuren seiner Lehrer, etwa Wunderlich, Hundertwasser und Schumacher, sind in vielen seiner Kunstwerke enthalten.

Vielen Wilhelmshavenern ist Klaus Zegenhagen als Kunsterzieher vertraut. Das eigene künstlerische Werk ist geprägt von einem Miteinander gegenständlicher wie informeller Arbeiten, die sich dem Zufall als stilbildendem Element in unterschiedlichen Techniken bedient haben.

Christian Roos (1940–1998), der sich Autodidakt in verschiedenen Berufen nannte, schuf zeit seines Lebens Kunst. Eine Kunst, in der er die eigene Innenwelt auszudrücken und anderen verständlich machen wollte. Entsprechend nahm die Frage der Formulierbarkeit des Unbekannten einen wichtigen Platz innerhalb seines Kunststils ein.

„Ich verordne mir die Medizin der zeichnerischen Konzentration“, wie er selbst formulierte, um seine unterschiedlichsten Vorstellungen kontrolliert in eine formale Gestaltung überführen zu können. 1973 eröffnete er mit zwei Freunden das bekannte Bistro in der Gökerstraße, in dem zuvor die Galerie Art Formation beheimatet war und wo eigene wie fremde Bilder präsentiert wurden und werden.

Olaf Marxfeld (1959–1992) studierte Kunstgeschichte und Soziologie in Kiel. Kontakte mit verschiedenen Künstlergruppen und Psychiatrieerfahrungen durch Klinikaufenthalte wurden malerisch, fotografisch, aber auch schriftstellerisch formuliert. Nach seinem Freitod fanden sich in seinem Atelier gut 350 Bilder auf Leinwand, mappenweise Zeichnungen, Gouachen und Fotografien sowie Literatur und Tonarbeiten.

Zentrales Thema war das Porträt auf der Suche der eigenen Befindlichkeit, das sich künstlerisch an Bildern der Gruppe COBRA, von Rainer, Brus und Artaud orientiert. Neben Ausstellungen in Deutschland, Lodz und Warschau markiert die Ernennung zum Künstler des Jahres 1988 durch die Kunsthalle und den Kunstverein Wilhelmshaven seine künstlerische Wertschätzung. Das Ministerium für Wissenschaft und Kultur in Hannover räumte ihm eine Gedenkausstellung über fünf Etagen ein.

Bis zum Neujahrstag 2013 bietet die Sezession Nordwest in ihren Räumlichkeiten die Gelegenheit zur Wiederbegegnung mit sehr unterschiedlichen Kunstwerken dieser be- und markanten Wilhelmshavener Künstler.

Helmut Tönsing

Klaus Zegenhagen

Christian Roos

Olaf Marxfeld

November 2012

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Holz und Kunststoff

Katja Flieger präsentiert Miniaturen, die die Wirklichkeit und Un-Wirklichkeit abbilden.

Zwei Löcher in der vermeintlich „fabrik“-neuen Tischtennisplatte führen zu einer ersten Irritation. Es bleibt aber nicht bei dieser Befremdlichkeit. Auch das Tischtennisnetz weist ein Loch auf. Spuren von Verletzung, Zerstörung? Dass es sich nicht um zufällige oder unbeabsichtigte Schäden handelt, offenbart der genaue Blick auf allesamt akkurat kreisrunde Löcher, die vielmehr überdeutliche Spuren einer Spielsequenz imaginieren.

Holz und Kunststoff – so der Titel der Novemberausstellung in der Sezession Nordwest von Katja Flieger – verweist auf die Materialien der Künstlerin, aus denen sie plastische, zumeist modellartige Arbeiten gestaltet. 1976 in Zwickau geboren, lebt sie in Kiel und seit 2012 auch in Wilhelmshaven. Ihre erste Ausbildung zur Tischlerin, die sie mit dem Gesellenbrief im Tischlerhandwerk abschloss, und ihre anschließende selbständige Tätigkeit bei Film- und Theaterbau in Berlin zeigen auch in jüngsten Arbeiten ihre Auswirkungen. Die künstlerische Laufbahn hat Flieger mit dem Studium der Freien Bildenden Kunst in Kiel maßgeblich begründet, an das sie noch ein Aufbaustudium Architektur anschloss.

Ihre plastischen, modellartigen Arbeiten sind häufig außergewöhnliche Kombinationen alltäglicher Versatzstücke. In the hole table von 2011 besteht sie neben der Doppelung von Tischtennisplatten unterschiedlicher Dimensionen in den „Untergestellen“ in Form von Bögen, die einen lediglich fragilen Stand ermöglichen und an ein Schreibutensil vergangener Tage erinnern: an Wiegelöscher.

In verschiedenen, Holzstapel titulierten Arbeiten befasst sie sich mit dem Material Holz, das in unterschiedlichen Zuständen nebeneinander aufgestapelt liegt – einmal in seiner natürlichen Form als Stämme, daneben in Form weiterverarbeiteter Produkte. Wieder ist die Irritation integraler Bestandteil der Objekte, wieder liegt sie im Maßstab begründet: Miniaturhaft klein handelt es sich bei den Holzprodukten um Streichhölzer, neben denen die vermeintlichen Stämme sich als dünnste Ästchen entpuppen.

Ski und Snowboard in Asphaltski kombinieren auf eine weitere Art alltägliche Versatzstücke, indem die Sportgeräte, mit denen weite Wegstrecken zurückgelegt werden können, selbst Weg thematisieren: Statt der augenfälligen markenüblichen Gestaltung versieht Katja Flieger die asphaltgrauen Oberflächen mit Fahrbahnmarkierungen. Und erneut begegnet die Irritation in der Irrationalität der Verbindung von „Wegen“, die in geradezu diametralem Gegensatz stehen: weiße, eher weich-bewegte Skihänge gegen schwarze, betonharte Straßen.

In Mühle von 2012 greift Katja Flieger ein prominentes Wilhelmshavener Architekturelement auf: Das im Grundriss quadratische Glasdach der Markt-/Kielerstraße wird zum Mühlespielfeld umgestaltet und mit farbigen Spielsteinen versehen. In Realiter zum Spielen viel zu groß, lädt ein entsprechendes Modell die Besucher der Ausstellung in der Sezession Nordwest nicht nur zum Betrachten, sondern vielmehr zum Agieren selbst auf.

Katja Flieger, the hole table, 2011,
© Katja Flieger

Katja Flieger, Holzstapel, 2012,
© Katja Flieger

Katja Flieger, Asphaltski, 2012,
© Katja Flieger

Oktober 2012

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Sylvia Lüdtke, wer und wie viele in mir, 2012, Papier und Draht, bemalt
Foto: Kerstin Hehmann

Gespalten

Ein "Künstleraustausch" Wilhelmshavener und Osnabrücker Künstler zeigt im Oktober auswärtige Kunst in der Sezession Nordwest. Zeitgleich stellen Wilhelmshavener Sezessionisten in Osnabrück aus.

Gespalten lautet der Titel der Oktober-Ausstellung in der Sezession Nordwest, der auf zwei verschiedene Ebenen abzielt. Die erste bezieht sich auf die Themen der ausgestellten Kunstwerke, die zweite auf die Konstellation der Künstler und ihr angestammtes Publikum: Sieben Künstler aus Osnabrück, allesamt Mitglieder im BBK, sind zu Gast im SCHAUfenster für aktuelle und regionale Kunst.

Parallel stellen Wilhelmshavener Künstler in der Osnabrücker Galerie Kunst-Quartier ab dem 12. Oktober aus. Der „Austausch“ der Osnabrücker und der Wilhelmshavener Künstler ist guten freundschaftlichen Kontakten zu verdanken, die zu einer Kooperation zwischen beiden Künstlergruppen geführt hat und mit der aktuellen Ausstellung nicht die ersten künstlerischen Früchte präsentiert.

Mit Johannes Eidt (Handsiebdruck), Ulrike Emmanouilidis (Malerei), Bernd Hildenbrand (Skulpturen), Sylvia Lüdtke (Papier- und Drahtinstallationen), Beate Lucas (Tonobjekte), Günter Sponheuer (Malerei) und Gerda Wantia (Objekte aus Natur und Papier) sind nahezu alle Sujets des kreativen Schaffens abgedeckt.

Johannes Eidt, dem jüngst für seine Verdienste um Deutsch-Japanische Beziehungen das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, ist mit zwei Handsiebdrucken, Dicke Brocken und Anhaltspunkte, vertreten. „Es sind Punkte”, so Johannes Eidt, „an die wir uns halten können, um am gewählten Ort sicher zu landen.“ Anhaltspunkte sind für ihn Punkte, an denen wir anhalten, um Atem für Kommendes zu holen. Punkte, an denen wir uns orientieren, wenn andere Instrumente ausfallen.”

Ulrike Emmanouilidis malt in Acryl auf Leinwand. Als „spaltbares Material“ interessierte sie der Gegensatz zwischen weißgrundierter und roher Leinwand, mit dem sie räumliche Wirkungen erzielt. Typische „Spuren“ auf ihren Leinwänden sind Formationen wie Craquelé, Spalten und Risslinien, die nach dem Eindruck und Vorbildern von Gesteinsformationen entstehen.

Bernd Hildenbrand stellt Skulpturen aus Alabaster und Steatit aus. Er sägt und spaltet seine Arbeiten aus einem Stück. Ein wesentliches Charakteristikum der Werke sind zentrale Durchbrüche – Öffnung und Verbindung zum Umraum.

Sylvia Lüdtke präsentiert in ihrer Papierarbeit wer und wie viele in mir kleine hominide Figuren mit gespaltenen Kopfformen auf einem Sockel. Die meist schwarzen Köpfe bilden einen großen Kontrast zu den bunt bekleideten Körpern. Die Geschöpfe verdeutlichen Gefühle von Zerrissenheit und zielen auf unterschiedliche menschliche Bedürfnisse, die manchmal nur schwer zu vereinbaren sind.

Beate Lucas demonstriert mit ihrem Der Spalt, wie durch einen Spalt das Außen ins Innere gelangen und das Innenliegende sichtbar werden kann. Ein Spalt, der weniger Verletzung, sondern vielmehr Öffnung für bislang Verborgenes sein kann und damit eine Zäsur, auch für Neues stehen kann.

Günter Sponheuer beschäftigt sich in seinen Ölbildern Tod – romantisch und Tod – realistisch mit der Spaltung durch den Tod. „Was spaltet mehr als der Tod. Es trennt sich die Seele vom Leib. Es trennt sich der Mensch von den Seinen …”, gibt der Künstler zu bedenken.

Gerda Wantia arbeitet mit Naturmaterialen und Papier und beschäftigt sich mit Themen um Spaltung von Gefühlen und Gedanken. Gedanken verbildlicht sie durch hölzerne Garn- und Papierröllchen, auf denen sie Gedanken formuliert. Gefühle stellt sie durch Spinnenbeine dar, die aus der Wand zu kriechen scheinen. Ein weiterer Bestandteil ihrer Kunstwerke liegt Verfallsprozess ihrer Materialien, der auf Veränderung und Transformation verweist.

Johannes Eidt, Anhaltspunkte

Ulrike Emmanouilidis, Gespalten Nr. 3, 2012, Acryl/Leinwand

Bernd Hildenbrand, Gespalten II, 2012, Alabaster, Stahl

Günter Sponheuer, Tod - romantisch, 2006

September 2012

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10 Jahre Sezession Nordwest

Mit einer Ausstellung ausländischer, mit der Sezession eng verbundenen Künstlern begeht die Sezession Nordwest ihr 10jähriges Jubiläum. Der Eröffnungsabend wurde zu einer großen, bis in die Nachtstunden dauernden Feier.

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Dieser Satz von Karl Valentin könnte das Motto im August 2002 für die Gründung der Sezession Nordwest e.V. gewesen sein. Dass „viel Arbeit“ viele, und damit auch gute Ergebnisse mit sich bringen kann, dürfte eine entscheidende Grundlage für das jetzt 10jährige Bestehen der Künstlervereinigung sein, das mit einer Jubiläumsausstellung begangen wurde.

Die Eröffnung am 6. September geriet zu einer langen Feier: Gut 100 Besucher lauschten den Schilderungen zu Geschichte und aktueller Ausstellung durch Peter Geithe und Christa Maxfeld-Paluszak. Ein reichhaltiges, gern frequentiertes Buffet schuf die leibliche Grundlage, die die Besucher bis nach Mitternacht verweilen ließ. Angeregte Unterhaltungen und Diskussionen über die Kunstwerke, die Künstler und Kunst im Allgemeinen fanden dank angenehmer Temperatur auch vor der Galerie statt.

Die Entstehung der kleinen Galerie in der Virchowstraße 37 in Wilhelmshaven ist die ungewöhnliche Geschichte einer Künstlerinitiative: Mit der Idee, den zahlreichen Kunstschaffenden im nordwestlichen Niedersachsen und ihren Kunstwerken einen Raum zu geben, hatten sich zehn Künstlerinnen und Künstler aus Wilhelmshaven und der Region zusammengefunden. Die Initiatoren gründeten einen gemeinnützigen Verein und mieteten den kleinen Laden mit großer Schaufensterfront im Kultur-Karree von Stadttheater, Kunsthalle, Volkshochschule und Bücherei an.

Das SCHAUfenster für aktuelle und regionale Kunst im Nordwesten fungiert zunächst als Ausstellungsraum. Zur Aktualität zählt auch der kurze Ausstellungszyklus: Jeden Monat ziehen neue Kunstwerke ein. Manchmal sind sie so jung, dass die Farben auf den Leinwänden noch nicht trocken zu sein scheinen. Seit der Gründung hat der Verein 140 Ausstellungen durchgeführt und so den kunstinteressierten Mitbürgern jedes Jahr ein äußerst abwechslungsreiches Programm geboten. Ein Beitritt in die Sezession bietet die Gelegenheit des Kontakts und Austauschs mit anderen Kunstinteressierten, mit Künstlern und mit ihren Programmen und Inhalten.

Mittlerweile hat die Sezession Nordwest 85 Mitglieder, von denen etwa die Hälfte selbst aktive Künstler sind. Überwiegend stammen sie aus der Region, einige jedoch aus anderen Teilen Deutschlands und der Niederlande.

Aus der Interessengemeinschaft der ersten Tage ist über die Jahre ein erfolgreicher kleiner Kunst- und Künstlerverein geworden, der inzwischen ein fester Bestandteil des Wilhelmshavener Kulturlebens ist. Allen beteiligten Sponsoren, Kunstfreunden und Kunstschaffenden sowie den Besuchern der Galerie gebührt dafür großer Dank.

Die zweiteilige Jubiläumsausstellung steht unter dem Motto "Sezession Nordwest International" und dokumentiert zum einen weitläufige Verbindungen ins Ausland. Die ausstellenden Künstler stammen aus Dänemark, Polen, Italien, Kroatien, der Niederlande, Tschechien, Weißrussland und Russland.

Im zweiten Teil werden Werke von 25 Künstlern gezeigt, die sich an einem gemeinsamen Projekt zum Jubiläum beteiligt haben: der Erstellung von Kassetten mit jeweils 25 Originalarbeiten der jeweiligen Künstler.

Eröffnung der Jubiläumsausstellung

Eröffnung der Ausstellung von Anna Pennati aus Mailand im August 2011

Blick in die Ausstellung von Andy Scholz im Januar 2012

August 2012

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Jahresgaben

26 aktive Mitglieder der Sezession Nordwest präsentieren ausgewählte Arbeiten – und machen ein besonderes Sommer-Angebot

Ferienzeit – Saure-Gurken-Zeit? Was für viele Institu-tionen gilt, trifft nicht auf die Ausstellungsaktivitäten der Sezession Nordwest zu. Nicht zum ersten Mal bietet das Schaufenster für regionale Kunst gerade im August ein in doppelter Hinsicht reich-haltiges Angebot – auf kleinem Raum – und lockt damit kunstinteressierte Besucher an.

Feuilletonisten überbieten sich mit unendlich langen Literaturlisten-Vorgaben für die „schönste“ Zeit des Jahres, die den üblichen Urlaubsanspruch des normalen Lesers weit überfordern; eine Documenta erschlägt seine Besucher nicht allein durch die schiere Menge ihrer Werke, vielmehr durch das Fehlen grundlegender Informationen am Ort eines häufig unvermittelten Nebeneinanders seiner aus unterschiedlichsten Zeiten und gesellschaftlichen Umständen stammenden Arbeiten und lässt ihn seine Orientierungs- und Ratlosigkeit nur in der Bewältigung einer großen Katalog-Last überwinden.

Wie befreiend leicht ist dagegen ein Besuch der Sommer-Ausstellung in der Sezession Nordwest. Hier ist ein wohl definiertes, gleichwohl weites Spektrum der darstellenden Kunst auf der Fläche zu sehen. Die Arbeiten der 26 aktiven Mitglieder verbildlichen in unterschiedlichsten Graden zwischen größter fotografischer Realitätsnähe und freier, selbstbezüg-licher Abstraktion zentrale Themen in verschiedenen Techniken. Vornehmlich in kleinem Format, zwischen Postkarten- und Schreibblockgröße haben die meisten Künstler mehrere Arbeiten als Jahresgaben bereitgestellt. Wegen der großen Anzahl kann nur eine repräsentative Auswahl gehängt werden.

Im Folgenden sei der Blick auf einige zufällig herausgegriffene Werke gerichtet: Dem Thema Landschaft hat sich mit fotorealistischen Arbeiten Michael Schildmann angenommen. Die aquarellierten Blätter von Herbert Müller zeigen eine persönlich gefärbte Natur. In den Collage-Malereien von Helmut Stix kann sie fast bis zur abstrakten Unkenntlichkeit verfremdet sein. Neben Pinsel und bedrucktem Verpackungs-Papier fügt er Versatzstücke unterschied-licher Materialien hinzu und stellt dem Thema Landschaft damit weitere Inhalte zur Seite.

Ein weiterer Themenkomplex behandelt den Menschen. Brigitte Frehsee reduziert ihn auf die Wiedergabe seiner Kontur und stellt diese wie isoliert in eine farbfeldhafte Umgebung. In zügig aquarellierten Blättern von Traud’l Knoess begegnet der Mensch wie eine zufällige Vexier-Erscheinungen, wohingegen er bei Winfried Baar mit scharfer Linie und einfacher Lokalfarbe als eine zum Schmunzeln anregende Karikatur in seiner selbstgewählten Rolle erscheint.

Ausstellende Künstler in alphabetischer Reihenfolge sind: Renate Ai, Winfried Baar, Sigrid Bahrenburg, Hilke Deutscher, Margot Drung, Anne Dück von Essen, Brigitte Frehsee, Hella Friedrichs, Renate Garen, Peter Geithe, Angelika Glaub, Hilke E. Helmich, Margareta Hihn, Traud’l Knoess, Klaus-Jürgen Maiwald, Christa Marxfeld-Paluszak, Ute Meier, Herbert Müller, Bernd Nöhre, Maria-Anna Nordieck-Ritter, Brigitte Raché-Böker, Wilfried Sachsenheimer, Michael Schildmann, Brigitte Schmitz, Helmut Stix und Arbeiten des verstorbenen Jürgen Wild.

Jahresgaben: Es bleibt nicht beim Anschauen in der Ausstellung, sondern setzt sich daheim fort. Den Mitgliedern der Sezession, inzwischen sind das gut 100, steht nach der Laufzeit eine Arbeit zu – kostenlos. Nichtmitgliedern erschließt sich ebenfalls für einen Jahresbeitrag von 36 Euro dieses Angebot. So kann sich jeder Besucher für einen kleinen Betrag die Saure-Gurken-Zeit mit einem originalen Kunstwerk versüßen.

Künstler der Galerie, Jahresgaben

Juli 2012

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Sichtwechsel

In unterschiedlichen grafischen Techniken wirft Hilke E. Helmich Fragen der vom Menschen verursachten Veränderung seines engeren und weiteren Umfelds auf – mit rückwirkenden Auswirkungen auf ihn selbst.

Sichtwechsel – unter diesem Titel stellt Hilke E. Helmich in der Sezession Nordwest im Juli Druckgrafiken aus. 1942 in Kassel geboren, verbrachte sie Kindheit und Schulzeit in Wilhelmshaven, bis sie 1976 nach Oldenburg zog. Sie studierte an der Pädagogischen Hochschule und ist Mitglied im BBK Oldenburg.

In den ausgestellten Grafiken befasst sich die Künstlerin mit Fragen von Veränderungen in diversen Bereichen von Mensch und Umfeld: konkret etwa mit der titelgebenden Frage: „Warum verschwand das Haus Ludwigstraße 3?“ Einige Arbeiten zeigen etwa eine architektonische Ansicht dieses Hauses; in anderen Werken ist eine offensichtlich alte Schwarz-Weiß-Fotografie das prägende Bildmotiv. Dieses wird zuweilen in einem kreisrunden Ausschnitt auf einen Bildgrund mit materiellen Versatzstücken aufgetragen (Taschenbild 13 a), die wie überkommene Fragmente den Anschein von Vergänglichkeit betonen. Als regelrechte Aussparungen innerhalb eines farbigen Umfelds wiederum erweckt das Motiv den Anschein, als würde der Blick durch ein metaphorisches Zeitenfernrohr zurück gerichtet (Taschenbild 10 a). Eine Antwort jedoch lässt die Künstlerin offen und fordert somit den Betrachter zur selbständigen Klärung, damit also zur eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Thema auf.

Von Menschenhand vorgenommene Veränderungen im urbanen Raum stellt Helmich ebensolche im ländlichen Umfeld zur Seite. In Arbeiten wie Geplantes im Wandel betrachtet sie – in grafisch sehr ansprechender Art – die Bemächtigung grün-blauer Weiten durch vermeintliche Ziegel-Siedlungsstrukturen. Harte weiße Schnittlinien symbolisieren ein Wege- und Grenzsystem, das eine strikte Trennung der Siedlung zum Umraum markiert. Ein Eindruck abgeschotteter mittelalterlicher Burgen oder Forts im „Niemandsland“ kommt auf. – Orte, die Ausgang weiterer Besiedlungswellen waren.

Für Hilke Helmich ist die Druckgrafik das Medium der Wahl. Weniger aufgrund der Möglichkeit zur Auflage als vielmehr aufgrund der jeweiligen und sehr unterschiedlichen Techniken. Der eher gröbere Holzschnitt ist ebenso vertreten wie mit der Radierung der feinere Tiefdruck. Neben diesen klassischen Druckverfahren arbeitet die Künstlerin auch mit modernen Digitaldrucken.

Überraschungs- und Verfremdungsmomente der klassischen Drucktechniken wie Seitenvertauschung von Druckplatte und Blatt, die Auswirkungen von Holzmaserungen oder des Ätzvorgangs für die spätere Erscheinung von Flächen und Linien sind für die Künstlerin integraler Bestandteil der Bildentstehung. Zudem besitzt der Entstehungsprozess einer Grafik für die Künstlerin einen meditativen Gehalt. Meditationen, die sich in Blättern manifestieren, die Verbindungen von realen und abstrakten Elementen aufweisen oder gänzlich abstrakt sind.

Zahlreiche Kompositionen amorpher Farbformen und -flächen, die von teils wild-rhythmischen Strichbündel begleitet werden, besitzen selbst einen meditativen Ausdruck. Sie ziehen den Betrachter in eigenständige Bildwelten, die je nach ihrer Farbigkeit ganz unterschiedliche Stimmungen besitzen.

Einige Landschaftsradierungen spiegeln als Folge von Natureindrücken die persönlichen Empfindungen. So bannen Arbeiten der Komplexe Kretisches und südliche Landschaften mit spezifischen Paletten die besonderen Stimmungen als eine Verschmelzung visueller und weiterer sinnlicher Eindrücke auf das Papier. Selbst die trockene Sommerhitze und der herbe Duft eines olympischen Kreta scheinen eingefangen zu sein.

Hilke E. Helmich, Taschenbild 13A

Hilke E. Helmich, Taschenbild 10A

Hilke E. Helmich, Haus mit rotem Quadrat

Hilke E. Helmich, Geplantes im Wandel

Juni 2012

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Zwischen Tag und Nacht – Nordische Landschaften

Die stimmungsreichen Ausdruckslandschaften von Renate Fäth spiegeln vielmehr innere Landschaften als jene vor den Augen ausgebreiteten.

Zwischen Tag und Nacht – Nordische Landschaften. Der Titel der Mai-Ausstellung von Renate Fäth in der Sezession Nordwest gibt zugleich Auskunft über das zentrale Thema ihrer künstlerischen Tätigkeit: die Landschaft.

1954 in Emden geboren, studierte sie an der Pädagogischen Hochschule Göttingen und besuchte nach dem Examen Fortbildungen in Kunstseminaren – darunter an der Neuen Kunstschule Zürich. Das erlernte Wissen und Können floss in eine dreijährige Lehrtätigkeit an der Malschule Emden. Neben der Mitgliedschaft im BBK Oldenburg und der Sezession Nordwest ist Renate Fäth Gründungsmitglied der Grafischen Gesellschaft Leer und der Gruppe Mixtura. Zahlreiche Ausstellungen und Projekte machten die Malerin über den heimischen Raum bis in die Niederlande bekannt. Aktuell ist sie auch mit einem Bild im SCHAUfenster der Region in der Kunsthalle Wilhelmshaven vertreten.

Ihre Malerei versteht die Künstlerin als eine Grundlage für Einfühlungsvorgänge, die persönliche Erinnerungen wecken. Erinnerungen an Bilder und Zeiten, die an die individuelle gegenwärtige Oberfläche zurückgeholt, geborgen und damit bewusst werden. Dieses zentrale Anliegen der Malerin hat zu einem ganz persönlichen Malstil geführt. Sie zeigt uns Darstellungen vornehmlich innerer Welten, in denen es nicht um ein Wiedererkennen bestimmter Topografien geht.

Während die Landschaftsmalerei in der Kunstgeschichte erst verhältnismäßig spät einen gleichberechtigten Rang neben bedeutenden Gattungen wie Porträt oder Historienbild erreichte, bot es durch seine inhaltliche Freiheit wiederum früh die Möglichkeiten persönlicher Stilentfaltung bis zum Ausdruck von Gefühl und Leidenschaft. Im Voranschreiten abstrahierender Tendenzen wurde das Motiv zunehmend nebensächlicher Anlass für malerische Ausbrüche seelischer Empfindungen.

Die ausgeprägte malerische Freiheit bettet Renate Fäth in einen geradezu korsetthaft strengen formalen Rahmen: Auf quadratischen oder nur leicht querrechteckigen gleich großen Malgründen entfalten sich auf eine oder maximal zwei Stimmungs-Farben beschränkte „Ausdrucks“-Landschaften, die allesamt mehr oder minder augenfällig horizontal gegliedert sind. Eine luftig-leichte obere (Himmels)-Zone erstreckt sich häufig über einen gewichtigeren unteren (Landschafts)-Bereich.

Die individuelle und differenzierte Maltechnik in Öl und Acryl hat entscheidenden Anteil an der künstlerischen Erscheinung und Aussage der Bilder. Die Bildgründe selbst sind komplex aufgebaut. Der eigentliche Malgrund – ein empfindlich dünner Stoff mit ausgefransten Rändern – wird auf farbig behandelte Holztafeln aufgebracht. Aus der Nähe betrachtet, vermögen die meditativ-imaginären Bilder zu Aufsichten zu kippen. Aufsichten von überflogenen Landschaften, die sich auf einer Fläche „unter“ dem Betrachter ausbreiten. Die in zahlreichen lasierenden Prozessen, gleichsam erdgeschichtlich auf dem Boden liegend, erst in einem längeren Zeitlauf entstehen.

Über einige Bilder – wie etwa bei Grün – verlaufen dünne Linien, Fäden, die sich wie ein Gespinst auf einer obersten Ebene abgesetzt haben. Als Ansicht erinnern sie zugleich an zeichenhaft bewegte Tropfspuren an einer beschlagenen Fensterscheibe, durch die der Blick in eine nebulös verklärte Landschaft fällt und Ahnungen an Vegetation in unbestimmter Ferne weckt.

Renate Fäth, Rosa

Renate Fäth, Krapprubin

Renate Fäth, Grün

Mai 2012

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Geschichten vom Meer

Phantastisch-heitere Bilder-Geschichten erinnern an unbeschwerte naive Malerei.

Bananen fliegen über den Jadebusen auf das Dangaster Kurhaus zu. Am Strand vergnügen sich Schweine. Einige nehmen ein Sonnenbad. Zur Teezeit schwimmen Wale herbei; Haie umrunden einen auf dem Meeresboden stehenden Leuchtturm. Bilder solcherart phantastischer Welten stellt die aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammende Malerin Jana Hackerova im Mai in der Sezession Nordwest aus.

Mitte der siebziger Jahre wählte Jana Hackerova Wilhelmshaven als ihr neues Zuhause. Hier am Jadebusen und später in Bockhorn lebte sie ihre malerische Faszination für das Meer und seine Bewohner aus. Schon früh von Walen, deren Größe und deren Gesängen begeistert, wählte sie diese imposanten Meeressäuger wiederholt als Bildthema. Mit Walter der Wal hat sie ihr größtes Exemplar vor Jahren an die Strandmauer unterhalb des Kurhauses in Dangast gemalt. Von Wind und Wetter gezeichnet, haben ihn inzwischen unzählige Besucher kennengelernt.

Jana Hackerova ist auf der Suche nach einer heilen Welt – in ihren Bildern wie in ihrem Leben. Diese Suche führte sie im Jahr 2000 von Bockhorn nach Gran Canaria. Bilder aus diesen Jahren spiegeln von jenen Sonnenseiten des Lebens: So steht etwa vor weitem Blick über ruhiges Wasser auf sanfte, grüne Inseln ein Glas Rotwein zum Greifen nah auf frisch-weißer Brüstung. Im vergangenen Jahr verließ die Künstlerin den warmen Süden und ist, ihrer Suche nach einer heilen Welt folgend, in den hohen Norden nach Norwegen gezogen.

In ihren Arbeiten strebt die Malerin einen hohen Grad von Realismus an. Das zeigt sich deutlich in ihren Blumen- oder Früchtestillleben. Übertragen auf ihre komplexen Kompositionen, gesellt sich zur realistischen Treue eine naive Note: Jeglicher malerische Zug zu Dramatik, Ausdruckssteigerung oder akademischer Erhabenheit ist ihren Arbeiten fremd. Sämtliche Bildbereiche sind mit gleicher malerischer Aufmerksamkeit behandelt. Die Malweise selbst tritt in den Hintergrund.

Die motivreichen Bilder des Dangaster Strandes mit seinem Kurhaus, den Objekten im und am Wasser, die aus diversen Kunst-Aktionen vergangener Jahre resultieren, sowie des Lebens auf dem Wasser und in der Luft erinnern zuweilen an naive Landschaftsbilder von Henri Rousseau. Mit seinen phantastischen Bildern, die eine mehr traumhaft als abbildhafte Realität schildern, gilt er als ein Wegbereiter des Surrealismus. Auch Jana Hackerova kreiert „über“-reale Bildwelten, indem sie akribisch realistisch gemalte Einzelmotive in einen poetischen, unrealistischen Zusammenhang stellt.

Bilder wie das einer Walfamilie (Teezeit), die in Begleitung kleinerer Fische vor einem gedeckten Tisch und umherschwebenden Orangen vorbeischwimmt, oder hinter einer versinkenden Laute (Auch sie machen Musik), aus deren Schallloch Luft- und Tonblasen aufsteigen, mit kräftigen Flukenschlägen in die schier unendliche Tiefe des Meeres verschwindet, haben den Charakter von Erzählungen. Erzählungen und Geschichten, die zu Bildern geronnen sind. Die zuweilen märchenhafte Ausstrahlung der stark farbigen, heiteren Bilder-Geschichten hat einige an die Wände von Kinderarztpraxen und einem Mutter-und-Kind-Kurheim geführt.

Jana Hackerova, Auch sie machen Musik

Jana Hackerova, Dangast

Jana Hackerova, Teezeit

April 2012

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Alb-Traumweiber

Traumhaft-flüchtig erscheinen die anmutig bewegten weiblichen Gestalten von Brigitte Frehsee. Andere scheinen hingegen von Träumen geplagt zu werden.

Der Titel der April-Ausstellung von Brigitte Frehsee in der Sezession Nordwest lässt Schlimmes befürchten: Alb-Traumweiber. Historische, mythologische oder biblische Frauen, die Angst und Schrecken verbreiten. Etwa eine Judith, die dem Holofernes das Haupt abschlagen ließ, oder eine Salome, die Johannes den Täufer mit graziler Bewegung zunächst verlockte, um ihn schließlich zu vernichten.

Diese Angst verbreitenden Gestalten haben in die Figurenwelt von Brigitte Frehsee jedoch keinen Einzug gefunden. Ein Albtraum mag allenfalls ihre Mystérieux geplagt haben, die vor dunklem Hintergrund den Kopf in ihre Hände stützt. Das Gesicht abgewendet, die Ohren verschlossen, wird sie einer aus blauen Farbverläufen hervorblickenden – traumhaften – Erscheinung nicht gewahr.

Thematisch knüpft die Ausstellung von Brigitte Frehsee an die vorangegangene von Hilke Deutscher und Katharina Schultz an: Wieder steht der Mensch im Zentrum des künstlerischen Interesses. Und erneut geht es nicht um Porträts oder bestimmte Individuen, sondern vorrangig um die menschliche Figur als Ausdrucksträger unterschiedlichster Stimmungen. Dafür verzichtet die aus Korbach stammende, in Oldenburg aufgewachsene und in Jever lebende Malerin, die wie ihre Kolleginnen Mitglied im BBK Ostfriesland ist, auf die Wiedergabe physiognomischer Details.

Sehr augenfällig ist das in zahlreichen Arbeiten ihres umfangreichen Begegnungen-Zyklus’. Die stehenden, in leichter Bewegung gehaltenen Figuren haben durch ihre lichte Farbigkeit wie auch durch die überwiegend hell und offen gehaltenen Hintergründe jegliche Düsternis und Beklemmung abgestreift. Es ist die stille Bewegung des Inneren, die bar jeglicher körperlichen Gebundenheit ihren malerischen Niederschlag findet. Ungezwungen, unverkrampft, anscheinend sich selbst genügend und damit in innerem Einklang und Ausgewogenheit verkörpern sie reine Harmonie. In dieser Haltung treten sie einander gegenüber oder haben sich zu Gruppen zusammengefunden. Als sei das Miteinander existenzielle Bedingung, gibt es keine isolierten Einzelfiguren. Und das, obgleich sie offenbar nicht miteinander kommunizieren.

Ein zentrales Merkmal vieler Figuren der Begegnungen-Reihe ist deren körperliche Auflösung und die Tilgung jeglichen Volumens. Lediglich die Kontur wird präzise erfasst. Die radikal vereinfachte menschliche Figur wird in ein Umfeld farblicher Abstraktion eingebunden, wobei die Künstlerin ein ausgewogenes Verhältnis von zeichnerischer Erfassung und malerischer Gestaltung erzielt. Malerisch sind Bereiche, die wie Schatten oder dunkle Hintergrundpartien die Figur wie eine Art entkörperlichte Erinnerung zeigen.

In einem komplexen Bild wie Begegnungen 15 gewährt uns Brigitte Frehsee den Einblick in eine traumhafte Welt, in der Gestalten einer eigenen Gattung scheinbar ohne Ängste, Zwänge oder Sorgen unbeschwert und zeitlos existieren. Der Betrachter dieser Welten bleibt stets unbeteiligter Beobachter.

Brigitte Frehsee, Mysterieux

Brigitte Frehsee, Begegnungen 2

Brigitte Frehsee, Begegnungen 15

März 2012

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Die Kunst ist weiblich

Hilke Deutscher und Katharina Schultz – zwei Sichtungen begegnen sich im Thema des Menschen und seiner Eingebundenheit in das Umfeld.

Hilke Deutscher und Katharina Schultz sind seit vielen Jahren Mitglieder im BBK Ostfriesland und haben häufig im In- und Ausland ausgestellt. Trotz ihrer sehr unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksweisen haben sie sich zu einer Gemeinschaftsausstellung in der Sezession Nordwest zusammengefunden. Das verbindende Moment der beiden Künstlerinnen liegt in ihren Themen. Diese kreisen um den Menschen, um seine Umwelt und die Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen beiden Bereichen. Der Ausstellungstitel Die Kunst ist weiblich bezieht sich weniger auf das dargestellte Sujet als vielmehr auf die weibliche Sicht und deren Einflüsse auf den Entstehungsprozess sowie die Sichtweise, die den Kunstwerken zugrunde liegen.

Hilke Deutscher bevorzugt das lichte, ausschnitthafte Aquarell, dem sie das schichtweise aufgetragene Acrylbild zur Seite stellt. Die dynamischen Farbverläufe und die stark bewegten Kompositionen lassen sogleich ihren persönlichen Malstil erkennen. Licht- und Farbharmonien bestimmen die Arbeiten. Motive sind Landschaften, Stadtimpressionen und Meerblicke, wobei jegliche Realitätstreue von zweitrangiger Bedeutung ist. Primär geht es um ein malerisches Nachspüren der persönlichen Empfindungen, Vorstellungen und Gedanken vor den Motiven. In einzelnen Fällen ist auch der Mensch Teil dieser Bild gewordenen Stimmungen und Atmosphären. Eine Hauptrolle wird ihm jedoch kaum zuteil. Und selbst wenn er zum eigentlichen Bildthema geworden ist – wie etwa im Menschen-Bild –, geht es nicht um bestimmte Individuen. Es geht um den Menschen als Vertreter seiner Gattung. Die gesichtslosen Gestalten repräsentieren in ihren Haltungen und durch ihre Lokalfarben jedoch sehr spezifische Charaktere. Die Bilder von Hilke Deutscher können als eine Einladung an den Betrachter verstanden werden, sich selbst in die Szenerien hineinzuversetzen und den jeweiligen Stimmungen nachzuspüren.

Die bis zur Auflösung tendierende klare Farbigkeit und die lichten Charaktere der Bilder von Hilke Deutscher finden in den Doppelbelichtungen von Katharina Schultz ihr Pendant. Die Überlagerung zweier Motive, die eine Kompression von zwei verschiedenen Momenten bedeutet, gebiert ein neues und unwirkliches Bild. Umso verwirrender ist dies für den Betrachter, da die Fotografie das eingefangene Motiv zunächst unverfälscht wiedergibt. Die Überlagerung erst führt zu flirrend-bewegten Unschärfen und damit Unverständlichkeiten, die den suchenden Blick zwischen den beiden Motiven mit ihren unterschiedlichen Zeitebenen hin und her schwanken lassen. Weitere stilbildende Merkmale sind die abgedunkelten Bildränder und eine an bejahrte Fotos erinnernde Farbigkeit. Damit gesellt sich Vergänglichkeit mit ins Spiel. So entsteht etwa in einer Aufnahme zur Tanzmarien-Reihe der Eindruck eines sich allmählich auflösenden roten Kleids, das von einer Tanzmarie im Gras zurückgelassen wurde.

Das Spiel selbst ist ein weiterer Bestandteil der Arbeiten von Katharina Schultz. Soll der Betrachter den Fotografien mit einem spielerisch-forschenden Blick begegnen, so darf er in Installationen durchaus selbst spielerisch eingreifen. Im Falle der Tanzmarie-Puppe etwa liegt es in seiner Hand, sie zum Tanzen zu bewegen.

Hilke Deutscher, Menschen-Bild

Katharina Schultz, Tanzmarie

Februar 2012

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Künstlerkarten

Postalische Pretiosen – Einblick in eine persönliche Sammlung von Künstler(post)karten. Das kleine Kunstwerk als Träger persönlicher Botschaften.

Zeit ist knapp – in der heutigen Gesellschaft soll eine Botschaft möglichst schon im Moment ihrer Entstehung den Empfänger erreicht haben. Zerstückelt in Bits und Bytes strömen Text- und Bilddaten weltweit von einem Rechner zum anderen. Noch knapper gehaltene Informationen jagen als SMS milliardenfach durch den Äther hin und her. Wer nimmt sich noch die Zeit, um einen Gruß oder einen Brief per Hand zu schreiben und umständlich und langwierig per Post zu verschicken. Und wer opfert noch mehr Zeit, um eine Karte mit einer Zeichnung oder einem Bild noch individueller und persönlicher zu gestalten.

Der große Reiz, den derart gestaltete kleine Kunstwerke besitzen, ist in der Februar-Ausstellung der Sezession Nordwest unter dem Titel Künstlerkarten zu entdecken. Die Miniaturen-Sammlung, aus der die gezeigten Karten stammen, ist über gut fünfzig Jahre entstanden und gewachsen. Neben den Botschaften gewähren sie den Einblick auf unterschiedlichste künstlerische Drucktechniken wie Radierung, Holzschnitt, Linolschnitt, Lithographie und Siebdruck. Aber auch Unikate in Form von Aquarell und Zeichnung bereichern die Sammlung.

Selbst namhafteste Künstler pflegten über Jahrzehnte den Brauch, Kontakte untereinander mit kleinen originalen Karten zu pflegen. Als originale Grafiken mit fortlaufender Nummerierung und Signatur wurden etwa um die Jahrhundertwende von den Wiener Werkstätten Karten von Oskar Kokoschka, Egon Schiele, Fritzi Löw und anderen produziert und vertrieben. Heute sind sie hoch begehrte und teuer gehandelte kleine Kunstobjekte.

Die Brückemaler Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Max Pechstein und Ernst Ludwig Kirchner bemalten Postkarten oder erstellten Zeichnungen auf ihnen, um sie als Grußkarten Freunden und Kollegen zu schicken. Es ist eine große Freude, ihre expressiven Eindrücke der jeweiligen Urlaubsorte zu betrachten. Die oft flüchtigen Grüße von damals sind heute manchem Sammler zehntausende Euro wert.

Beinahe dreißig eigenhändig bemalte Kartengrüße bezeugen die Freundschaft zwischen Franz Marc und Else Lasker-Schüler. Eines dieser Kartenkunstwerke war ein Neujahrsgruß von 1913 mit dem Entwurf für das berühmte Aquarell Der Turm der blauen Pferde, einem Schlüsselwerk des Blauen Reiters. Es ist der einzige erhaltene Entwurf des gleichnamigen Ölgemäldes, das seit 1945 als verschollen gilt.

Japanische Künstler entwickelten im populären Holzschnitt Karten, die zum Jahreswechsel zu einem beliebten Format wurden. Zur weiten Verbreitung tragen Kunstzeitschriften bei, die in der letzten Jahresausgabe postkartengroße Originalgrafiken beilegen. Zwei in der Ausstellung gezeigte Grußkarten japanischer Künstler bekunden ihre hohe grafische und künstlerische Qualität.

Aus seiner Sammlung von gut 1.000 Karten hat Peter Geithe eine persönliche Auswahl getroffen. Diese repräsentiert insgesamt zweiundzwanzig Künstler und dokumentiert eine große Spanne der verschiedensten künstlerischen Techniken. Die Begegnung mit den Künstlerkarten bedeutet in neun Fällen ein Wiedersehen mit kleinen Kunstwerken verstorbener Künstler, darunter auch bekannte Wilhelmshavener.

Hinricus Bicker-Riepe, Künstlerpostkarte

Peter Geithe, Künstlerpostkarte

Johannes Eidt, Künstlerpostkarte

Heinz Carl Wimmer, Künstlerpostkarte

Januar 2012

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Andy Scholz, Konstruktion, Blick in die Ausstellung

Konstruktion

In Fotos von Baustellen spürt Andy Scholz vielmehr künstlerischen als offensichtlich ästhetischen Aspekten nach. Zur Installation erweitert, wird der Ausstellungsraum selbst Teil des Gesamtkonzepts

Nur notdürftig ist der Durchbruch im rohen Betonboden mit einem Hilfsgeländer aus einfachen Holzbrettern gesichert. Aus einer Öffnung in der Decke fällt Licht ins Dunkel herab und spiegelt sich in einer Pfütze im Vordergrund. Die Baustelle wirkt verlassen. Eine Neonröhre, deren Licht jedoch keine Helligkeit produziert, und ein durch die Öffnung herabhängendes Stromkabel lassen die menschliche Anwesenheit zwar vermuten – vielmehr unterstreichen diese Details jedoch den surrealen, befremdlichen Gesamteindruck der Szene eines metaphorischen Boxrings, die Akteure und Publikum verlassen haben.

Mit Fotoarbeiten des 1971 in Varel geborenen Andy Scholz beginnt die Sezession Nordwest das neue Ausstellungsjahr. Unter dem Titel Konstruktion zeigt der in Essen lebende Künstler bemerkenswerte auf Baustellen eingefangene Motive.

An der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und der Folkwang Universität der Künste in Essen war Andy Scholz Schüler von Jörg Sasse und Bernhard Prinz. Er ist mehrfacher Preisträger und hat an zahlreichen, auch internationalen Ausstellungen teilgenommen. Die Städtische Galerie im Leeren Beutel, Regensburg, gab 2011 zu ihrer Einzelausstellung die erste Monografie heraus.

In seinen Arbeiten richtet Andy Scholz den Blick auf alltägliche Dinge – leer stehende Gebäude, Baustellen oder Objekte wie Kaugummiautomaten. Andere Werke befassen sich mit Strukturen und Ordnungen. Lamellen, (Lüftungs)-Gitter, Lochplatten und -blenden, Fassadenverkleidungen. Nicht die Funktion der jeweiligen Objekte steht dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern ihre formale Gestalt. Der häufig auf einen Ausschnitt fokussierte Blick löst die Objekte aus ihrem Zusammenhang und bindet sie in einen neuen – künstlerischen – Kontext ein. Der tiefere Gehalt der Bilder liegt weniger in der Realitätswidergabe. Vielmehr entstehen eigenständige Bilder, die zuweilen an konstruktivistische Malerei erinnern. An Bilder, die sich aus ihrer ursprünglichen Abbildfunktion befreit und zum autonomen Gemälde verselbständigt haben.

Auffällig an den Fotografien von Andy Scholz ist die strikte Abwesenheit des Menschen. Zwar sind die Aufnahmen ohne die menschliche Existenz undenkbar, denn genau deren Spuren stehen im Zentrum etwa der Baustellen-Motive. Der Mensch selbst jedoch erscheint allenfalls in Aufnahmen von gelochten Lichtblenden. Zum Schutz vor Helligkeit tauchen sie Räume in völliges Dunkel. Hier sind – lediglich als Schattenrisse – menschliche Silhouetten vor gleißend hellen Lichtpunkten mehr erahn- als erkennbar.

Überhaupt spielen Licht und Schatten eine Hauptrolle in vielen Fotografien. Vergleichbar mit typischen Barock-Gemälden ist das zentrale Bildmotiv geradezu inszenatorisch hervorgehoben, während sich alles Nebengeschehen im Dunkel der Bildränder aufzulösen scheint. Bei aller Lichtdramaturgie sind die Aufnahmen von ausgeprägter Ruhe gekennzeichnet. Eine Ruhe, die jedoch plötzlich und nachhaltig gestört werden kann.

Filmsequenzen der jeweiligen Baustellen bringen Leben ins Bild. Und mit der Bewegung ertönt Lärm. Baulärm. Plötzlich steht der Betrachter nicht mehr isoliert vor den Bildern, sondern mitten in der Baustelle. Eine Baustelle, die sich über die Bildränder hinaus und über die Fläche der Wände in den Raum ausgeweitet hat und schließlich den gesamten Ausstellungsraum bemächtigt.

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Kran 02, analoger Abzug vom Negativ, kaschiert auf Dibond, 2009
© Andy Scholz/VG Bildkunst 2011

Schubkarre 01, digitale Ausbelichtung, gerahmt, 2010
© Andy Scholz/VG Bildkunst 2011

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